Leipzig (ots) - Von Winfried Wächter Zyniker reißen ihre Witze und zählen die Autos, die bei der EM 2012 verschwinden. Optimisten preisen die Möglichkeiten für die Infrastruktur, die sich mit der Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine verbessert. Pessimisten wiederum melden Zweifel an, ob beide Länder mit ihren aktuellen Voraussetzungen eine solches Großereignis organisieren können. Dazwischen haben es die Realisten schwer, denn natürlich ist es eine mutige Entscheidung der europäischen Fußball-Funktionäre, auch Entfernungen bis zu 1600 Kilometer in Kauf zu nehmen. Doch doppelte Gastgeber stehen von vornherein hoch im Kurs - obwohl weder die EM in Belgien und Holland vor sechs Jahren noch die WM 2002 in Japan und Südkorea besonderen Charme versprühten. Vielleicht gelingt dies den Österreichern und Schweizern im nächsten Jahr. Es ist kein Zufall, dass die Wahl auf osteuropäische Kandidaten gefallen ist, kurz nachdem Michel Platini die Regentschaft in der Uefa übernommen hat. Der Franzose hatte schon im Januar bei seinem Wahlantritt angekündigt, sich für kleinere Verbände, die ihn auch auf den Präsidenten-Stuhl befördert hatten, stark zu machen. Dass er dabei so schnell und so konsequent vorgehen würde, hat gestern am meisten die Italiener überrascht, die sich vor der Entscheidung schon wie der sichere Sieger fühlten. Einer ihrer Vorwürfe, Platini hege gegenüber Italien wegen der französischen WM-Finalniederlage "Rachsucht", geht mit Sicherheit zu weit. Dass die Uefa aber die zähe Aufarbeitung des Wettskandals in der Serie A gestört hat, darf angenommen werden. Freilich wäre im Land des Weltmeisters (fast) alles paletti gewesen, hätten relativ moderne Stadien und Verkehrswege für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Das weiß natürlich auch der ehemalige Juve-Spieler Platini. Aber er wollte Neues und sein Versprechen gegenüber den Kleinen halten. Die Kombination Ungarn-Kroatien war daher auch nicht ohne Reiz, da jedoch die Magyaren fußballerisch seit fast 20 Jahren keine große Rolle spielen, hatten die WM-Teilnehmer Polen und Ukraine bessere Aussichten. Platini wagt viel, denn wenn wirtschaftliche oder politische Unsicherheiten die Vorbereitung für die Euro 2012 beeinträchtigen, werden ihm die Störungen angelastet. In Italien wäre das alles nicht passiert, wird es sofort heißen. Dort kann die Regierung bilden, wer will:Fußball ist für sie in jedem Falle heilig. Ein Gradmesser, wie die Gastgeber für 2012 vorankommen, wird auch sein, wie sie die berühmt-berüchtigten polnischen Hooligans in den Griff bekommen oder rechtsradikale Übergriffe, die es freilich auch in Italien gibt, verhindern können. Wie soll Europa zusammenwachsen, wenn Höhepunkte jedweder Art westeuropäischen Ländern vorbehalten bleiben? Wenn Fußball wirklich Brücken schlagen kann, dann hat er sowohl bei der WM 2010 in Südafrika als auch bei der EM 2012 eine Chance, es zu zeigen.
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